Aquarelle
Wolfgang Eichenbrenner

REDEN BEI VERNISSAGEN

Frankfurt
Hamburg - blaue Stunde
Günter Grass
Am Fenster
Eingebettet
Im Schloßgarten Stuttgart
Schloßplatz Stuttgart - triadisch geschlemmert
Murano, Venedig
Gondole, Venedig
Lesende (nach G. Richter)
Gemüsehändler, Taroudannt, Marokko
Gasse in Fès, Marokko
In den Souks von Marrakesch, Marokko
Surreal 1
Surreal 2
Surreal 3

 

Rede anläßlich der Vernissage im Rathaus Gerlingen am 10.04.2016

 

Sehr geehrte Gäste, sehr geehrter Herr Eichenbrenner,

vor einem halben Jahr – im Oktober 2015 – lernte ich den Künstler Wolfgang Eichenbrenner kennen. Im Atelier in Stuttgart Bad Cannstatt, umringt von vielen Werken, konnte ich mir einen Eindruck verschaffen, was es heißt, der Aquarellmalerei im positiven Sinne verfallen zu sein. Bis heute sind mehr als 1000 Arbeiten entstanden und es überrascht nicht, wenn er den Leser auf seiner Homepage mit den Worten

Aquarell – mein Leben begrüßt.

In der Ausstellung Wasser Farben Bilder – Aquarelle hier im Rathaus in Gerlingen bekommen wir einen wunderbaren Einblick in sein umfangreiches Schaffen.

Der Künstler hat 60 Werke der letzten Jahre ausgewählt, von denen allein 13 mit der Datierung 2016 versehen sind. Nebenbei bemerkt, wir befinden uns erst in der 14. Kalenderwoche im Jahr 2016.

Seit den ersten Arbeiten, die Wolfgang Eichenbrenner nach seiner langjährigen Tätigkeit als Sonderschullehrer Anfang der 1980er Jahre gemalt hat, ist viel Zeit vergangen.

Zeit - sich intensiv mit dem Wesen der Aquarellmalerei auseinander zu setzen.

Als Künstler Autodidakt, besuchte Eichenbrenner zahlreiche Malkurse in Stuttgart, Sindelfingen und Wien. Besonders geprägt haben ihn die Kurse von Hans Köhler in Stuttgart und Heribert Mader in Wien. Von Köhler - so Eichenbrenner, habe er das Zeichnen gelernt. Jedem Aquarell geht eine Vielzahl von Skizzen voraus, die entweder direkt vor Ort entstehen oder auch Fotografien als Grundlage haben. Bei Heribert Mader hingegen stand der Umgang mit der Farbe im Vordergrund.

Zeit - zu erproben, „was das Wasser mit der Farbe macht und umgekehrt“, Zitat Eichenbrenner. Es überrascht daher nicht, dass der Künstler alle Techniken der Aquarellmalerei beherrscht. Er lasiert und laviert, wäscht aus, kratzt ab, tropft und spritzt, mit dem Ziel, eine Atmosphäre ins Bild zu bringen ohne dabei - Zitat „Sklave der Technik zu sein“. Er erlaubt sich – falls nötig - auch mal einen Pinselstrich weißer Farbe auf das Papier zu setzen. Die malerischen Anfänge mit Acrylfarbe auf Leinwand hat der schon früh nicht weiter verfolgt.

Zeit - sich mit den klassischen Motiven der Aquarellmalerei zu befassen:

Blumenstillleben, Landschaftsbilder und Stadtansichten gehören zu seinen beliebtesten Motiven. Immer wieder gelingt es ihm, mit nur wenigen Farbflecken die Blütenpracht aufs Papier zu bringen. Ein anders Mal durchdringt die Blüte eines Hibiskus´ das farbgetränkte Papier und drängt sich langsam in den Vordergrund. Bildhintergrund und Motiv treten so in einen Dialog. Je nach Intention variiert Eichenbrenner dabei seine Maltechnik. Die Leuchtkraft der feinen Farbpigmenten, die er gekonnt mit Wasser vermischt, begeistern ihn stets aufs Neue.

Zu jeder Jahreszeit zieht es Eichenbrenner in die Natur. Besonders reizvoll sind die Herbststimmungen, die mit leuchtendem Rot und Gelb die Wärme des goldenen Oktobers spüren lassen. Der Blick durch die Weinberge Bad Cannstatts oder vom Bismarckturm aus hinab in den Kessel von Stuttgart, versetzen den Betrachter in eine poetische Stimmung. Die Hektik des Alltags hinter sich lassend, kann man die Zeit der Stille genießen. Stets agiert Eichenbrenner auch hier gekonnt mit der Mischung aus Farbe und Wasser. Das Weiß des Papiers als hellste Stelle im Bild, als Leerstelle, immer mit im Blick.

Weniger still geht es in den Stadtansichten zu. Hier skizziert und malt der Künstler in Mitten des Geschehens. Ob am Gendarmenmarkt in Berlin, am Hauptbahnhof in Hamburg, mitten auf einer Kreuzung oder im Café Künstlerbund am Schlossplatz in Stuttgart. Immer ist Eichenbrenner als Beobachter vor Ort und fängt die Bewegung des Moments ein. Häuser werden zu Strukturen – Farbflächen fließen ineinander – der tatsächliche Ort verschwindet mehr und mehr– bis auf wenige charakteristische Merkmale, die eine Verortung des Motivs für den Betrachter möglich machen.

Wenn immer möglich, sucht Eichenbrenner Motive, die eine Beschäftigung mit der Reflexion des Lichts, mit Spiegelungen auf einer Wasserfläche ermöglichen.

So nutzt er die Zeit - für ausgedehnte Reisen. Jedes Jahr zieht es ihn nach Venedig. Die Architektur, das Wasser und nicht zuletzt die besonderen Lichtverhältnisse machen die Lagunenstadt zum Sehnsuchtsort vieler Künstler.

Aqua alta, Piazetta – besser kann man es als Aquarellmaler in Venedig nicht antreffen. Selbst die Plätze stehen dann unter Wasser und die Fassaden der Palazzi spiegeln sich unendlich. Die sentimentale, melancholische Stimmung der Stadt bringt Eichenbrenner mit einer auf Tonalität reduzierten Farbigkeit ins Bild. Der Betrachter steht stellvertretend für den Maler auf dem Markusplatz und kann in eigenen Erinnerungen schwelgen, so wie es eine Vielzahl an Künstlern Jahrhunderte zuvor bereits getan haben.

Die griechische Kykladen Insel Santorin mit den weiß getünchten kubischen Häusern strahlen hingegen im grellen Sonnenlicht. Kleinformatig kommt der Kontrast zwischen den weißen Flächen der Gebäude und den kräftigen Aquarellfarben für den wolkenlosen blauen Himmel am besten zur Geltung.

Oder Marokko! Dorthin würde er gerne noch einmal reisen. Ein Land, das durch ein extremes Licht und eine Fülle an Farben lockt. Auf dem Kleidermarkt in Taroudannt oder in der Altstadt fühlt er sich wohl - kann eintauchen in die Farbenpracht und das Flirren des Lichts.

Ist die Zeit manchmal knapper bemessen, genügt Wolfgang Eichenbrenner auch ein Abstecher nach Locarno. Mit einem Glas Rotwein auf der Terrasse sitzend, den Blick auf das nächtliche Lichtermeer über dem See… oder ein Ausflug an den Chiemsee.

Drei Porträts hat Eichenbrenner mit nach Gerlingen gebracht. Darunter das des deutschen Grafikers Horst Janssen. Auch er ein großartiger Zeichner und Aquarellist, der mit unermüdlichem Eifer immer neue Wege suchte, sich künstlerisch auszudrücken. Vielleicht eine Hommage des Künstlers Wolfgang Eichenbrenner an den 1995 schon früh verstorbenen Kollegen?

In allen Werkgruppen versucht der Maler das Gesehene, wie er sagt „in eine neue künstlerische Bildwirklichkeit“ umzusetzen. Eine realistische Abbildung des Gesehenen ist ihm zu wenig. Dazu bedarf es einer kontinuierlichen Neugierde und Schaffenskraft, die Möglichkeiten der Verwendung der bildnerischen Mittel – Linie, Farbe und Fläche – zu hinterfragen und zu erforschen.

Daher nimmt sich der Künstler auch Zeit, sich mit Fragen der Abstraktion auseinander zu setzen.

Vergleichen Sie bei Ihrem anschließenden Rundgang durch die Ausstellung zum Beispiel die Landschaftsmotive mit den vier abstrakten Werken aus dem Jahr 2016.

Es ist nur ein kleiner Schritt, um sich vom Gegenstand zu befreien, einige Pinselstriche nicht zu setzen, Erzählerisches auszublenden, um die Linie, die Farbe und die Fläche selbst sprechen zu lassen. Die Aquarellmalerei - wie auch die abstrakte Kunst - ist auch die Kunst des Andeutens und Weglassens, und der Betrachter ahnt das Motiv mehr, als dass er dieses tatsächlich vor Augen hat.

Alles was er dazu braucht ist – Zeit – die wir jetzt nutzen können.

© Christine Klenk, 10.04.2016

Rede zur Eröffnung der Ausstellung Wasser Farben Bilder Aquarelle, Rathaus Gerlingen

 

 

Rede anläßlich der Vernissage im Bürgertreff Korntal am 15.01.2016

 

Liebe Kunstfreundinnen, liebe Kunstfreunde, lieber Wolfgang,

ich darf Sie, Euch ganz herzlich zur Eröffnung der Ausstellung

Aquarelle von Wolfgang Eichenbrenner

hier im Bürgertreff in Korntal – Münchingen begrüßen.

Mein Name ist Gerhard Wiemken, von Beruf bin ich Architekt.

Wolfgang Eichenbrenner hat mich gebeten, einführende Worte zum Thema Aquarell allgemein und insbesondere zu seinen hier ausgestellten meisterhaften Aquarellen zu sagen, die ja nur einen Ausschnitt seines insgesamt wohl mehr als tausend Bilder umfassenden bisherigen Oevres sind, die in dieser Auswahl die ganze Bandbreite seines Könnens aufzeigen, wie zeichnerische Begabung, Farbgefühl, Spontanität, Experimentierfreude, Lockerheit, eigene Handschrift, eigene Pinselsprache, solides Handwerk, gutes Bauchgefühl u.a., wobei die Aufzählung hier keine Rangfolge von Fähigkeiten ist, sie machen in gutem Zusammenspiel sein Talent aus.

 

Auf meine Frage, bei einem Besuch  im Cannstatter Atelier nach einer ungefähren Zahl seiner Arbeiten unter Nennung von tausend war seine Antwort: „ Ich weiß es nicht, es können auch weit mehr sein “. Vielleicht solltest Du, lieber Wolfgang, damit beginnen ein Werkverzeichnis anzulegen.

 

Wolfgang Eichenbrenner ist:

Mitglied im Stuttgarter Künstlerbund e. V.

Mitglied in Artifex, Kunstverein der neuen ART

Gründungsmitglied der Deutschen Aquarell-Gesellschaft DAGGWS.

Dozent für Aquarell an der freien Kunstakademie  Gerlingen.

Dozent an der Freien Kunstakademie Allensbach.

 

Die Zahl seiner bisherigen Ausstellungen liegt bei weit über 20.

 

Weitere Daten zu Biografie von Wolfgang Eichenbrenner finden Sie in seiner hier nachzulesenden Vita und natürlich im Internet, auch weitere Reden zu Vernissagen. Ich werde mich kurz fassen.

Das Statement von Wolfgang Eichenbrenner lautet: „Seit nunmehr dreißig Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Zeichnung und der Aquarell-Malerei, die mich auch heute noch fasziniert. In unterschiedlichen Techniken versuche ich, die vorgefundene Realität in eine eigene Bildwirklichkeit zu übersetzen, die nicht einfach nur abbildet, sondern den subjektiven Eindruck des Sujets widerspiegelt, gleichzeitig aber auch dem Betrachter Spielräume offen lässt.“

 

 

Vom Abbild zum Bild, nicht die Realität abzumalen, die Atmosphäre einzufangen, den genius loci, den Betrachter zu entführen aus dem banalen Sichtbaren, das interessiert Wolfgang Eichenbrenner.

Dies wird deutlich auf dem Aquarell "Schloßplatz in Stuttgart", das im Ausschnitt auch die Einladung zu dieser Ausstellung ziert. Der Fokus ist die Lichtführung in die Tiefe, in die Stadt, die kahlen Bäume stehen wie Wächter, der Ort ist erkennbar, die spätherbstliche Stimmung ist dennoch voller Geheimnis.

 

 

Die sommerliche Impression vom Schloßplatz ist belebt mit Passanten, die farblich akzentuiert ausgesprochen bewegt flanieren. Wolfgang Eichenbrener nennt sie „geschlemmert“ unter Hinweis auf das Triadische Ballett, das gerade in der Staatsgalerie in diesem Zeitraum wieder aufgeführt wurde, selbst die große Stahlplastik von Alexander Calder hat ihren Anteil daran und wirkt ausgesprochen gelöst. Die Gebäude treten zurück, nur der Königsbau zeigt Kante. Der Lichtstreifen führt uns ins Bild. Das Aquarell ist, für jeden sichtbar, durch wenige Hinweise verortet. „Man sollte die Orte kennen, die man malt“.

 Die intensive Suche nach Bildqualität erlaubt es ihm, mit allen Mitteln zu arbeiten, nur die Qualität ist entscheidend. Er  beherrscht alle Techniken der Aquarellmalerei.

 

Bei der Beobachtung, wie Wolfgang Eichenbrenner einem hilfesuchenden Eleven ins angefangene Aquarell geht, kann man seine künstlerische und handwerkliche Sicherheit und Lockerheit erkennen.

Er nimmt, mit dessen Zustimmung, den zögerlichen Ansatz des Bildes, fährt mit dessen Pinsel zielsicher in drei Farbtöpfe, mit viel oder weniger Wasser, laviert, wäscht aus, beobachtet den Marsch der Pigmente, stoppt ab, tupft, impft weitere Pigmente und macht aus dem Versuch eines Aquarells „ein Bild zu vier Händen“, damit versetzt er die Umstehenden in Erstaunen.

Das ist seine vorgenannte Spontanität. -„Man kann nicht behutsam spontan sein“ -sagte Hans Köhler, einer seiner früheren Lehrer.

 

 

Aquarelle einer Marokkoreise, widergespiegelt mit zwei Pinselskizzen, vermitteln die Atmosphäre eines Souks. Freie weiße Flächen geben dem Betrachter Spielraum, weiter ins Bild zu gehen, während das geschlossene Aquarell die ganze Farbenpracht, das geschäftige Treiben und Feilschen in den überdeckten Bereichen spüren lässt.

Dazu passt ein Textauszug von Oskar Koller aus seinem Bildband >Herbst auf den Kykladen<: “Immer wieder bin ich bemüht, mit bildhaften Zeichen etwas von dem Zauber des Lichts festzuhalten von der Einmaligkeit der Stunde und des Tages. Oft sind es zarte Klänge rhythmisch aneinandergereiht, oft benötige ich starke Kontraste, um die Intensität des Lichts wiederzugeben. Dies wird sichtbar, wenn es mir gelingt, das kostbare Weiß des Papiers zu verwandeln“.

 

Venedig ist für Wolfgang Eichenbrenner mindestens einmal im Jahr das Ziel einer Malreise. Drei ausgewählte Aquarelle aus der großen Zahl seiner Venedig-Veduten sind hier zu betrachten.

Durch viele in gelb und blau getönte, lavierende Farbaufträge werden die Lichtverhältnisse der Lagunenstadt, die schemenhaft auftauchenden Architekturen, die Spiegelung der Gondeln, der Boote und Pfosten im Wasser der Kanäle wiedergegeben, breite Lichtbahnen führen in die Tiefe und wecken Erinnerungen an eigene Aufenthalte.

 

 

Weitere Beispiele seiner künstlerischen Bandbreite sind surreale Kannenaquarelle vor einem Phantasiehintergrund wie blaugelbe Topfpflanzen oder ferne Stadtlandschaften.

Sie erinnern mich an Salvador Dalis Ölbild „the persistence of memory"(die Beständigkeit der Erinnerung) von 1931: „Geschmolzene Uhren hängen über Äste und Raumkanten, vor einer Landschaft, die von einem geahnten Atomblitz gleißend hell erscheint“.

 

                   

 

 

Nicht zuletzt beherrscht Wolfgang Eichenbrenner auch das Porträt in der Aquarelltechnik. Hier zeigt er in feinen Pinselstrichen seine zeichnerische Begabung und die gekonnte Lichtführung im Aquarell. Horst Janssen, der großartige Zeichner, hebt mahnend den Zeigefinger „keine Kunstwerke kopieren“, doch Gerhard Richters Lesende von 1994 hängt im San Franzisco-MOMA, Abmessungen 72x102cm, ist hier als Kopie am Türrahmen eindeutig deklariert.Das Aquarell strahlt dieselbe intime Stimmung aus, ist tausendfach preisgünstiger, als das Original und ein echter Eichenbrenner.

 

„Die Malerei ist eine leidvolle Beschäftigung.“

Diese Anmerkung kommt von seinem bereits genannten Lehrer Heribert Mader aus Wien. Ich habe Wolfgang diese Anmerkung als Frage gestellt. Er hat sie mit einem deutlichen „Nein“ beantwortet. :“ Solange ich male, bin ich voller Spannung und Begeisterung, Neues zu suchen, zu entdecken und auszuprobieren. Leidvoll ist nur das <Drumherum>!“

Vielleicht hat der Heribert das auch so gemeint.

 

Eine Gratwanderung ist das Aquarellmalen, nicht frei von Zufällen, die Zufälle jedoch sollten gesteuert sein.   

Die Aquarelle von Wolfgang Eichenbrenner sind herausragende Ergebnisse dieser Gratwanderung, sie sind hier bis Ende März zu sehen und zu erwerben. Wenn Ihnen ein Aquarell besonders gut gefällt, dann schrecken sie nicht vom Kauf zurück mit dem gedanklichen Argument: „Wir haben doch schon so viele Bilder, ich wüsste jetzt nicht wo ich dieses Bild hängen könnte?“-

Darf ich Ihnen einen freundlich gemeinten Rat geben? :

„Schaffen sie Platz für Neues“.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Gerhard Wiemken

Dipl.Ing.Architekt

Tuttlinger Strasse 148

D 70619 Stuttgart

g.wiemken@googlemail.com

 

 

 

 

 

 

 

 

Neckarhalde Tübingen
Blick auf den Chiemsee
Blick zurück
Aqua alta auf der Piazetta, Venedig
Gepflegte Gastlichkeit

Rede anläßlich der Vernissage "NEUE AQUARELLE" in Waldenbuch

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Lutz, sehr geehrter Herr Eichenbrenner, liebe Kunstfreunde,


es begann mit einem kleinen Aquarellkasten. Wenige Farben und Pinsel genügten. Auch das kleine Format – etwas größer als eine Postkarte – reichte Wolfgang Eichenbrenner zu Beginn der 1980 er Jahre aus. Versuche in der Öl- und Acrylmalerei verfolgte er nicht weiter. „Aquarellmalerei, das kann man auch am Küchentisch machen“ erzählt der Künstler mit einem Augenzwinkern bei meinem Besuch letzte Woche in Stuttgart.
So beginnt er zuerst als Autodidakt, sich der Aquarelltechnik zu nähern. Es folgten Besuche zahlreicher Malkurse in Stuttgart, Sindelfingen und Wien. Besonders geprägt haben ihn die Kurse von Hans Köhler in Stuttgart und Heribert Mader in Wien. Von Köhler - so Eichenbrenner, habe er das Zeichnen gelernt. Jedem Aquarell geht eine Vielzahl von Skizzen voraus, die entweder direkt vor dem Motiv in alter impressionistischer Manier „en plein air“ entstehen oder auch Fotografien als Grundlage haben. Bei Heribert Mader hingegen stand der Umgang mit der Farbe im Vordergrund.
Zahlreiche Reisen und Studienaufenthalte im In – und Ausland folgen, um das Gelernte vor neuen Motiven umzusetzen.
Umringt von vielen Werken – nahezu 1000 Aquarelle sind bis heute entstanden – kamen wir ins Gespräch. Und als ich Wolfgang Eichenbrenner fragte, was Ihn an der Aquarellmalerei bis heute immer noch fasziniert, antwortete er voller Begeisterung:
                                                 FARBE und WASSER
Die Leuchtkraft der feinen Farbpigmente begeistert. Gekonnt kontrastreich oder stimmungsvoll Ton in Ton gehalten setzt er die Farbe ein. Doch erst das Mischen der Pigmente mit Wasser lässt die Farbe fließen.
„AQUA rell“ betont Eichenbrenner „Mich interessiert, was das Wasser mit der Farbe macht und umgekehrt“ und so überrascht es nicht, dass er alle Techniken der Aquarellmalerei beherrscht. Er lasiert und laviert, wäscht aus, kratzt ab, tropft und spritzt, mit dem Ziel, eine Atmosphäre ins Bild zu bringen ohne dabei - Zitat des Künstlers „Sklave der Technik zu sein“. Er erlaubt sich – falls nötig - auch mal einen Pinselstrich weißer Farbe auf das Papier zu setzen.
Für die Ausstellung "Neue Aquarelle" hat er über 60 Werke ausgewählt. Darunter die klassischen Aquarellmotive Landschaft, Vedute und Stillleben.
Das Adjektiv Neu verweist einerseits auf die Entstehungszeit der Werke in den letzten 2 bis 3 Jahren und andererseits auf neue Motive und Fragestellungen, denn „Blumen“ – so verrät mir der Künstler – „interessieren ihn eigentlich nicht mehr“. Quasi als Zugeständnis an uns Ausstellungsbesucher hat er dennoch einige Blumenbilder ausgewählt.
Pfingstrosen – nur mit einem Hauch von Farbe ins Bild gebracht oder Hortensien, deren üppige Blütendolden mehr Pigment erfordern. Manches Mal genügen ihm auch gekonnt gesetzte Farbflecken, und der Betrachter erahnt nur mehr das Motiv.
Als Landschaftsmaler zieht es ihn zu jeder Jahreszeit hinaus in die Natur. Eichenbrenner faszinieren die tief verschneiten Bäume, das grelle kalte Winterlicht aber auch die blühenden Obstbäume im Frühling. Auf wenige Farben reduziert, mit viel Wasser gemischt oder farbenprächtig aufgetragen wird die jeweilige atmosphärische Stimmung des Orts eingefangen. Das Weiß des Papiers als hellste Stelle im Bild, als Leerstelle, miteinkalkuliert.
In seinen Stadtansichten – den Veduten - blickt Eichenbrenner gerne von erhöhtem Standpunkt auf die Architektur. Eine Verortung des Motivs ist möglich, denn die Wahrzeichen der Städte sind oft auch ohne den Bildtitel zu erkennen. Waldenbuch mit dem Schloss und der Altstadt – Stuttgart mit dem Kunstmuseum, der Stiftskirche oder der Blick von der Halbhöhenlage in den Stadtkessel. Die Architektur mit wenigen farbigen Akzenten betont löst sich im Bildraum nach hinten weit gehend auf. Dicht an dicht setzt er die Farbflächen. Eine „ all over“- Struktur entsteht. „Pinselarbeit“ nennt es Wolfgang Eichenbrenner, denn es geht ihm nicht um eine realistische Abbildung des Gesehenen, sondern um die Umsetzung in eine neue, künstlerische Bildwirklichkeit.
Die reine Architekturzeichnung mit dem Fokus auf das Gebäude empfindet er dagegen als schwierig. Für ihn belebt erst der Mensch die toten Mauern der Großstadt. So bevölkern in den neuen Werken häufig Passanten die Straßen und Plätze. Hier skizziert und malt Wolfgang Eichenbrenner in Mitten des Geschehens. Ob vor dem Kunstmuseum oder am Hauptbahnhof in Stuttgart, beim Überqueren der Straße in München: Stets ist Eichenbrenner der Beobachter und fängt die Bewegung des Moments ein. Klug setzt er leuchtende Akzente in Blau und Rot.
In den aktuellsten Werken - den Interieurs - verlässt Eichenbrenner den Standpunkt unter freiem Himmel und begibt sich ins Kaffeehaus. Am Tisch sitzend, beobachtet er die Szenerie. Das Geschehen im Innenraum steht jetzt im Fokus. Zum Beispiel die Bewegung des Kellners beim Servieren. Nicht detailversessen, sondern den gesamten Raumeindruck im Blick. Das Motiv entwickelt sich auch hier aus der Farbfläche heraus. Nicht immer hält er sich streng an das vorgefundene Motiv, sondern ergänzt die Szene – wo nötig – mit Personen. Denn „Lebendig ist wichtiger als richtig“, so Eichenbrenner, den Lehrsatz seines Lehrers Hans Köhler zitierend.
Natürlich erzeugt auch bei den Interieurs das einfallende Licht eine Atmosphäre im Bild, so dass man fast den Duft von Kaffee und gutbürgerlichem Essen in der Nase spürt.
Mindestens einmal im Jahr zieht es Wolfgang Eichenbrenner nach Venedig. Die Architektur, das Wasser und nicht zuletzt die besonderen Lichtverhältnisse machen die Lagunenstadt zum Sehnsuchtsort. Eine auf Tonalität reduzierte Farbigkeit erzeugt eine Stimmung im Bild, die auf den Betrachter überspringt und Erinnerungen weckt. Erinnerungen an den eigenen Aufenthalt in Venedig, aber auch an kunsthistorische Vorbilder. Vielleicht erinnern wir uns an Werke des britischen Malers William Turner, in dessen Nachlass sich hunderte Skizzen von Venedig und unvollendete Gemälde befinden. Bei Turner wird aus Farbe Licht. Das Licht schafft Atmosphäre. Aus dem Dunst über dem Wasser steigen allmählich Umrisse einer Stadtsilhouette oder einer Felsküste empor.
Wolfgang Eichenbrenner folgt seinem Vorbild Turner, in dem er stets bestrebt ist, das Gesehene, das Gegenständliche zu abstrahieren. Die impressionistische Sicht auf das Motiv, das Einfangen einer atmosphärischen Stimmung, das Spiel mit Licht und Schatten. Aber auch das Offenlassen von Räumen. Als freie Fläche auf dem Malgrund ebenso wie als Denk- und Empfindungsräume auf Seiten des Betrachters.
Gerne würde der Künstler noch einmal nach Marokko reisen. Ein Land, das durch ein extremes Licht und eine Fülle an Farben lockt. Schon zu Beginn des 20 Jahrhunderts reisten Paul Klee und August Macke in das Nachbarland Tunesien. „Die Farbe hat mich“, so Klee in einem Brief aus Tunis an seine Freunde. Stattdessen zog es Eichenbrenner im letzten Jahr gen Norden. Eine kurze Station am Hamburger Hafen, dann an den Nordseestrand. In kräftigen Farben, mit wenig Wasser verdünnt, malt er hier. Leuchtend Gelb und Rot der Himmel kurz vor einem Gewitter oder dunkel Blau bei strömendem Regen.
Manchmal beschäftigt sich Eichenbrenner mit der reinen Ungegenständlichkeit. Doch zu leblos erscheint ihm das Spiel mit Form und Farbe. Lieber wendet er sich dem Stillleben zu. Arrangements von Gefäßen und Früchten . Wie übertrage ich die Transparenz des Glases auf das Papier? Die Aquarellmalerei ist auch die Kunst des Andeutens und Weglassens, und der Betrachter ahnt den Gegenstand mehr als dass er diesen tatsächlich vor Augen hat.
1905 ermahnte Adolf Hölzel - Professor für Malerei an der Akademie Stuttgart - seine Schüler mit den Worten „Die Kunst kommt aus den Mittel“ und ergänzt „täglich 1000 Striche“.
Hölzels Lehre war ein beständiges Reflektieren über das Zusammenspiel der künstlerischen Mittel Linie, Form und Farbe. Man könnte meinen, Wolfgang Eichenbrenner hat sich diese Lehre zu Eigen gemacht. Mit Fleiß und Beharrlichkeit erprobt er deren Umgang, und diese Ausstellung zeigt, wie gekonnt Wolfgang Eichenbrenner die bildnerischen Mittel der Aquarellmalerei – Farbe und Wasser – immer wieder neu einzusetzen vermag.


© Christine Klenk, 04.10.2015
Rede zur Eröffnung der Ausstellung Neue Aquarelle, Rathaus Waldenbuch

 

 

 

 

Rede anläßlich der Ausstellung "Zwei Maler - zwei Welten" in Bad Aibling

 

Verehrte Gäste der Villa Maria,

ich hatte einmal in einer Schulklasse zwei Buben, die waren Zwillinge. Gleiches Gesicht, gleiches Haar, von der Mama auch noch gleich angezogen – und dazu Hundsbuben, die alles dazu getan haben, um die Lehrer irrezuführen. Ich habe Wochen gebraucht, um die kleinen, aber wesentlichen Unterschiede herauszufinden: in der Bewegung, im Tempo, in der Ausstrahlung.

Ganz ähnlich ging es mir, als ich vor den Bildern dieser Ausstellung stand. Maximilian Schmetterer kenne ich nun schon viele Jahre, und es war verblüffend für mich, plötzlich in Wolfgang Eichenbrenner einem Doppelgänger zu begegnen – zumindest auf den ersten Blick. Aber schon beim zweiten – um nicht zu übertreiben – spätestens beim dritten Blick stellte ich fest, dass die beiden einander keineswegs gleichen wie das berühmte eine Ei dem anderen. Wobei schon ein einfacher Blick in den Kühlschrank die Dummheit dieser Redensart belegt. Oder haben Sie schon mal vier gleich schöne, gleich „gerecht“ große Frühstückseier gefunden?

Aber zurück zu den Gemeinsamkeiten zweier Freunde, die zwar als Maler zwei Ansichten versprechen, aber deren Lebensläufe als Menschen und Künstler bereits viele Ähnlichkeiten aufweisen. Beide sind sie in den Vierzigerjahrendes vorigen Jahrhunderts geboren, beide im süddeutschen Raum, der eine als Ober-bayer, der andere als Schwabe.

Beide verbrachten ihr Leben zunächst viele Jahre in anderen Berufen, beide begannen erst in den Achtzigerjahren, sich konkret ihrer großen Liebe, der Malerei, zuzuwenden.

 

 

Und beide wuchsen rasch über ihren Autodidaktenstatus hinaus. Sie suchten Lehrer, die ihr Talent zu heben verstanden und fanden schließlich beide in Wien in Heribert Mader den Künstler, der ihre Auffassung von der Gestaltung eines Bildes wohl am nachhaltigsten geprägt hat. Von der Erinnerung an seine Handschrift geben ihrer beider Bilder immer noch Zeugnis. Wohlgemerkt: von der Erinnerung daran! Denn beide sind schon lange weit davon entfernt, ihren verehrten Lehrer zu kopieren. Von ihm haben sie gelernt, ein Bild, und nicht ein Abbild zu gestalten, ihrem ganz und gar eigenen, ihrem besonderen Blick auf Wohlbekanntes zu trauen. Landschaft und Stadtlandschaft faszinieren sie gleichermaßen, unspektakulären Sujets verleihen sie mit sparsamer Palette eine ungewöhnliche Aura, ähnliche, ja gleiche Mal-Orte ziehen sie an, ganz nah und ganz fern – getrennt und oft gemeinsam.

Zuerst und am deutlichsten zeigen sich ihre zwei Ansichten, ja, es müsste eigentlich zweierlei Ansichten heißen, beim Umgang mit der Farbe und in ihrem unterschiedlichen Verhältnis zur Distanz. Wobei Wolfgang Eichenbrenner die Töne kräftig leuchten, schimmern sie bei Maximilian Schmetterer eher zart, oft geheimnisvoll und wie verschleiert. Hier steht der energische Farbauftrag dem anmutigen Aquarellpinsel gegenüber. Wo Wolfgang Eichenbrenner impulsiv lebhafte Tupfen setzt, verfolgt Maximilian Schmetterer die Raum gestaltenden Linien, akribisch selbst da noch, wo sie nicht mehr sichtbar zu sein scheinen, wo das Auge des Betrachters sie fortführen muss.

Diese zwei Ansichten verraten auch einen sehr unterschiedlichen inneren und äußeren Abstand vom Motiv. Wolfgang Eichenbrenner liebt den Standpunkt unmittelbar im Geschehen, der dokumentarische Charakter seiner Kompositionen ist wie rasch aus dem Leben gegriffen.

Maximilien Schmetterer bevorzugt die beschaulich-poetischen Inszenierung, die Betrachtung aus fast scheuer, respektvoller Entfernung.

Wo in Wolfgang Eichenbrenners Bildern die Spontaneität und die Dynamik mit-reißen, lädt die schwebende und nachdenkliche Stimmung bei Maximilian Schmetterer zur Ruhe ein.

Müsste ich zwei zusammenfassende Adjektive finden, um die Ausstrahlung dieser beiden Werkschauen einander gegenüberzustellen, würde ich einerseits das Wort „beseelt“ wählen, und andererseits das Wort „belebt“.

Ganz auffällig springt dieser Unterschied in der Auffassung unserer beiden Maler schon bei der Einladungskarte zu dieser Ausstellung ins Auge. Links haben wir eine durchaus lebhafte Stadtlandschaft, aber die Lebe-Wesen sind hinter den Flächen der Fahrzeuge verborgen. Tempo und Bewegung vermitteln sich auch ohne ihre sichtbare Anwesenheit. Die Linien der Brückenkonstruktion vermitteln die räumliche Tiefe.

Dagegen sind auf dem rechten Bild die Menschenfiguren selbst ein deutliches Gestaltungselement. Durch ihre lockere Anordnung strukturieren sie die untere Fläche im Bild und führen aus dem Vordergrund in das Bild hinein, ermöglichen es, die Tiefe des Bildes perspektivisch wahrzunehmen. Hier sind die Menschen die nötigen komplementären Farbtupfen, die die farbliche Stimmung des Bildes abrunden. Und sie bestimmen Tempo und Bewegung.

Natürlich kann das nicht alles und genauso für alle Werke gelten, die hier in der Villa Maria hängen. Wovon ich spreche, das ist die jeweilige Tendenz der Œuvres, ihre unterschiedliche Anmutung. Diese Maler sind wie zwei Musikanten, die zwar die gleiche Melodie spielen, aber der eine ein Dur und der andere in Moll. Und selbst da wechseln sie einander ab.

 

Denn das eint unsere Malerfreunde wieder: Ihre Motive liegen fernab von jeder gängigen Postkartenansicht. Sie haben ein Faible für rostiges Eisen, für morsche Holzpfosten, für schäbigen Putz. Sie treiben sich auf Bahnhöfen, in Häfen und schmucklosen Gassen herum und entdecken dort, wo „nichts zu sehen“ ist, das aufregende Zusammenspiel von Linien, Flächen und Strukturen.

Ihre Himmel versprechen meist kein schönes Wetter, sie sind nicht zart durchweht, sondern von dräuender, kompakter Kraft. Wo wir auf Wasser treffen, lädt es nicht lächelnd zum Bade – hier ist es ein Gegner, ein undurchdringlich schillernder, der Respekt fordert vor seiner dichten Masse. Aber im Kontrast dazu verlieren all diese Mauern, Wände und Steinschluchten ihre Schwere, scheinen seltsam durchlässig von innen zu leuchten.

Diese Maler verstehen es beide, dem schlichten Alltag kostbare Ansichten abzugewinnen, das Unscheinbare reizvoll anschaulich zu machen. Sie arbeiten mit schönen Farben, ohne schönzufärben. Sie vereinfachen, ohne in künstliche Abstraktion zu verfallen. Sie erfühlen die Welt, ohne in Gefühlen zu versinken.

Sie, liebe Kunstfreunde, sind eingeladen, noch mehr Unterschiede zu entdecken, sich an noch mehr Gemeinsamkeiten zu erfreuen. Vergleichen Sie, aber wägen sie nicht ab, lassen sie die Maler nebeneinander stehen, wie die Bilder nebeneinander hängen. Und vor allem: genießen Sie jedes dieser Werke in seinem letztlich unverwechselbaren Charme.

Und das Geheimnis ihres Charmes ist: diese beide Malerfreunde lassen sich ergreifen vom Augenblick, und dann verführen sie ihn, vibrierend in ihren Bildern zu verweilen.

Und uns, die wir vor ihren Werken stehen, erlauben sie eine nüchterne kleine Seligkeit, ein unbewusstes Lächeln, so etwas Merkwürdiges, wie ein zufriedenes Staunen. Und dafür können wir den beiden nur danken.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Bad Aibling, den 16. November 2014

Renate M. Mayer